Verantwortung und Schuld sind zwei Paar Schuhe

24. April 2018

Mein ehemaliger Chef sagte einmal zu mir: „Eine große Herausforderung für Führungskräfte ist es, Aufgaben zu delegieren“.

Eine Aufgabe zu delegieren ist etwas grundsätzlich anderes, als eine Arbeitsanweisung zu erteilen. Letzteres ist schlicht der Auftrag, bestimmte Tätigkeiten zu verrichten und vor allem, ein klar definiertes Ergebnis zu erzielen. Wer hingegen eine Aufgabe delegiert, der überträgt nicht nur die Verantwortung dafür, dass ein Ergebnis geliefert wird, sondern auch für das Ergebnis an sich.

Wer Mitarbeitern diese Form von Verantwortung überträgt, lässt Ihnen freie Hand. Sowohl bei der Wahl der durchzuführenden Tätigkeiten, der Art wie diese verrichtet werden und damit eben auch bei der Definition der konkreten Ergebnisse. Und verantwortungsvolle Mitarbeiter, die vielbeschworenen Unternehmer im eigenen Unternehmen, das ist es doch was Arbeitgeber heute wollen.

Leider wird jedoch auf vielen Führungsetagen das Thema Verantwortung gänzlich missverstanden.

Häufig haben Führungskräfte ein sehr klares Bild von dem, was sie als Ergebnis erwarten. Gestaltungsspielraum? Freie Hand? Selbstbestimmung? Leider Fehlanzeige.

Die Aussage „Du trägst die Verantwortung“ lässt somit viele Arbeitnehmer eher ängstlich zusammenzucken, als motiviert zur Tat schreiten. Vielfach bedeutet sie nämlich nichts anderes, als „Du bist schuld wenn’s nicht klappt“.

Natürlich muss jemand der Verantwortung für eine Sache übernimmt auch die Größe zeigen und Fehlschläge als solche klar benennen. Vielleicht sogar persönliche Konsequenzen ziehen. Wer verantwortungsvoll gestalten möchte muss auch bereit sein, verantwortungsbewusst zu handeln.

Aber das ist eben auch das grundlegende Missverständnis. Wenn die Konsequenz für ein Handeln von der Führungskraft bestimmt wird, welche einem die Aufgabe überträgt, dann ist das keine Delegation. Hier wird das Übertragen von Verantwortung mit der Zuweisung von Schuld verwechselt.

Eine Aufgabe zu delegieren bedeutet auch, seinen Mitarbeitern den Raum zu gewähren, in dem sie über die Konsequenzen aus möglichen Fehlschlägen selbst entscheiden. Einen weiteren Versuch starten? Neue Methoden nutzen? Das Team neu besetzen? Ressourcen anders zuweisen? Oder eben auch, sich zurückziehen und die Verantwortung an jemand anderen übertragen.

Das erfordert von dem verantwortlichen Mitarbeiter natürlich ein gewisses Maß an Selbstreflexion. Vor allem aber erfordert es seitens der Führungskräfte das zu geben, was wohl das höchste Gut in zwischenmenschlichen Beziehungen ist, Vertrauen.

Eine Führungskraft sollte nicht darauf zu vertrauen, dass jemand keinen Fehler macht – sondern den Leuten vertrauen, auch wenn sie Fehler machen.

Fehlt es jedoch in einem Unternehmen an diesem Vertrauen, dann wird auch niemand bereit sein, Verantwortung zu übertragen oder Verantwortung zu übernehmen. Auch das ist ein Aspekt der oft vergessen wird. Eine Aufgabe zu delegieren, Verantwortung zu übertragen für die Arbeit und das Ergebnis an sich, geht immer einher mit dem Zugeständnis, dass ein Mitarbeiter diese auch ablehnen kann. Druck erzeugt neben Gegendruck vor allem eines, Schuldgefühle.

Wer sich einem Thema nicht gewachsen gefühlt, egal ob aufgrund eines Mangels an Wissen, Fähigkeiten oder schlichtweg Zeit, wird auch nicht in der Lage sein, dafür Verantwortung zu übernehmen. Das bereits erwähnte Maß an Selbstreflexion braucht es nicht nur, um mögliche Fehlschläge im Nachgang zu analysieren, sondern auch, um sie bereits im Vorfeld zu verhindern.

Aufgaben zu delegieren erfordert die Bereitschaft Verantwortung abzugeben. Eine große Herausforderung für Führungskräfte.

Wer sie bewältigen möchte, sollte sich der wohl größten Herausforderung stellen. Verantwortung dafür zu übernehmen, Vertrauen aufzubauen.


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